23.04.2006

Der Profi Code

Ich werde oft gefragt, wie ich denn eigentlich Designentscheidungen treffe. Warum hat ein Element seine Größe, Farbe und nimmt seinen spezifischen Platz ein.
Das ist natürlich wahnsinnig schwer zu beantworten, weil ich sehr viele Dinge automatisiert mache und gar nicht mehr darüber nachdenke.

Es gibt aber drei Faktoren, die existenziellen Einfluss auf meine Arbeit haben.
Ich nenne sie liebevoll den …

Profi Code
(PROdukt, FIrma, COrporate DEsign)

Warum sind diese Punkte so wichtig? Nun, betrachten wir das genauer.

1. Das Produkt

Ein gutes Design darf nicht um seiner Selbst willen existieren. Es hat immer als vordergründigste Aufgabe, zu kommunizieren und die richtigen Stimmungen zu vermitteln.
Damit es diese Ansprüche erfüllen kann, bedarf es aber einiger Kopfarbeit.
Ein ganz nettes Beispiel hierfür ist „folietto“. Eines der Kerngeschäfte ist das Verlegen von Sonnenschutzfolien. Lustigerweise arbeiten sehr viele Designs der Mitbewerber mit dunklen Tönen, welche die Tonwerte der Folien widerspiegeln. Der häufigste Gedanke eines Kunden ist aber: „Stört die Folie meine Sicht nach außen?“
Nein, tut es nicht! Es geht also darum, genau diesen Wunsch nach freier Sicht zu unterstützen. Was liegt also näher, als die Farbwelt der Innenseite zu verwenden? Keine dunklen Folien-Töne. Klares Glas vor einem strahlend blauen Himmel und Licht soweit das Auge reicht.

Ein Teil des Erfolgs liegt schlicht in diesem Gedankengang begründet.

2. Die Firma

Ein wichtiger Part ist der Kunde und seine Firma. Nicht weil es Sinn macht, eine Seite so zu gestalten wie der Kunde sich sehen möchte - eine Seite muss transportieren, wie er ist.

Haben wir es mit einem Großkonzern, einer abgehobenen Agentur oder einem seit Generationen geführten Familienbetrieb zu tun. Es ist wichtig die Firmenphilosophie zu vermitteln, denn diese Kernbotschaft zieht die dazu passenden Kunden an.
Ein paar Beispiele: Ein Jugendlicher, der abends auf den Putz hauen will, wird nicht ins Café Oper Wien gehen. Ein Kaffeehausgenießer, der das Flair eines klassischen Cafés sucht, sehr wohl. Dieser findet dort alles vor, um sich wohl zu fühlen. Werden also aggressive Farben und unruhige Formen das Erscheinungsbild prägen? Natürlich nicht. Klingt simpel, ist aber wesentlich.

Ein Auftraggeber, der eine abgehobene Elite-Agentur sucht, wird sich nicht für mstefan.com interessieren. Würden wir uns kühl und stylish präsentieren vielleicht schon mehr. Aber die Leute, mit denen wir eigentlich zu tun haben wollen, würden wir irritieren.
Und wenn eines wichtig ist, dann dass man mit den Kunden auf gleicher Wellenlänge liegt. Wir haben zweimal Aufträge von Firmen angenommen, mit denen wir von Anfang an nicht so richtig konnten. Beide Aufträge dauerten lange, waren sehr beschwerlich und endeten zur Unzufriedenheit beider Parteien.
Ihr seht also, wie wichtig es ist, die Firma für die man Arbeitet, richtig zu analysieren. Macht man für ein abgehobenes Büro einen offenen freundschaftlichen Auftritt, hat man den ersten Grundstein für ein massives Kommunikationsproblem gelegt. Macht man für das nette Unternehmen von nebenan, wo der Chef noch persönlich die Kunden betreut, einen kühlen sachlichen Auftritt, wird ihm die neue Homepage ebenfalls nicht sehr hilfreich sein.

3. Corporate Design

Gilt es, eine bestehende Identität fürs Web umzusetzen, muss man sich als Gestalter sehr zügeln. Man neigt schnell dazu, Dinge zu „verbessern“. Vor allem, wenn man die vorgegebene Optik nicht besonders mag. Ich war zwei Jahre lang Art Director bei Netway. Ich weiß, wovon ich spreche. Wenn man über einen so langen Zeitraum hinweg, täglich großflächiges Orange vor Augen hat, muss man seinen Geist schon sehr zügeln.
Hier muss man sich einfach eines deutlich vor Augen führen: Egal wie hässlich etwas ist. Eine Marke lebt von der Wiederholung. Es wäre also ein Verbrechen, das Homepagedesign vom restlichen Auftritt der Firma abzukoppeln.
In den Anfängen des Webs, war das – wie auch viele andere Verbrechen - durchaus üblich. Heute sollte man professioneller agieren. Es gibt keine technischen Limitationen, die es uns verbieten würden, ein Corporate Design ins Web zu übertragen.

Fazit

Hält man sich an diese drei Punkte, kann eigentlich nicht mehr viel schief gehen.
Es gibt darüber hinaus natürlich noch sehr viele kleine Details im Designprozess, an die man sich halten sollte. Ich persönlich arbeite aber sehr intuitiv und unbewusst. Wissend, dass meine Intuition letztlich ein Geflecht vieler kleiner Regeln und Erfahrungswerte ist.

Sobald ich mir also dieser kleinen Regeln wieder bewusst bin, gibt’s mehr zu diesem Thema! :-)

6 Kommentare zu „Der Profi Code“

  1. Milos Radovic

    Sehr guter Artikel! «Profi Code» ist sehr treffend. Die drei Punkte finde ich essentiell wichtig und bin der Meinung, dass man sich immer genug Zeit nehmen sollte um sich mit dem «Profi Code» ;-) auseinanderzusetzen! Ich muss feststellen, dass mich diese Dinge oft, wahrscheinlich eher unbewusst, immer wieder zum «Überdenken» anregen. Schwierigkeiten habe ich allerdings, wenn die Firma neu bzw. kein eigentliches CD/CI besteht…

  2. Markus Stefan

    Lustig, ich finde das eigentlich fast leichter, wenn die Firma noch nichts hat. Beispiel folietto: Hier ist sogar der Name von uns! :-)

  3. Milos Radovic

    Ich habe einfach bemerkt, dass ich zwar schnell zu einem resultat finde, von dem ich denke dass es «Potenzial hat», der Kunde aber oft - eben dann, wenn keine CD besteht - schnell und wiederkehrend neue Ideen hat, Farben ändern möchte, die Bildsprache anderst sieht etc. Das kann, je nach Kunden, auch ein ganz kreativer und wirkungsvoller Prozess sein, meist ist es eher mühsam, vorallem dann, wenn das Budget knapp bemessen ist.

    Ich sehe das CD bzw. die Firma ansich als Stützen, wenn es darum geht ein gutes Design zu finden.

  4. Markus Stefan

    Da hast du sicher Recht!
    Man muss hier auch zwischen 2 Kundentypen unterscheiden.
    Die einen, die kein CD haben und eines beauftragen (was sehr viel Spaß macht).
    Die anderen, die keines haben (auch keines beauftragen) und es dann, über den Umweg des Webdesigns, trotzdem realisiert sehen wollen. Das kann schwierig werden … ;-)
    Aus diesem Grund beziffern wir das CD (falls nötig) in unseren Angeboten immer getrennt und versuchen dem Kunden zu erklären, warum es - im ersten Schritt - absolut nichts mit der Homepage zu tun hat.

  5. Stefan

    Wir haben viel mit Kleinstkunden zu tun. Da kommt man aber oft nicht drum herum, ein wenig am Stil der Firma zu schleifen ;) (sofern man das einen Stil nennen kann). Wenn das Logo in Word vom Chef gemacht wurde und die Farben die Putzfrau ausgesucht hat muss jeder ordentliche Designer einfach eine Krise bekommen. Viele Kleinstkunden haben überhaupt keine Persönlichkeit - nichts, was sie von jedem x-beliebigen Maler, Bauunternehmen etc. abhebt. Da muss man wenigstens mal die Alias-Kanten glätten oder einen Vektor draus machen…

  6. Markus Stefan

    Da hast du natürlich Recht. Ich beziehe mich im Text aber auf Kunden, die ein bestehendes CD haben. Damit meine ich nicht unbedingt Firmen, die über ein in Word entwickeltes “Logo” verfügen … ;-)

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