24.06.2006

Mit Hirnschmalz kalkulieren

John Hicks eröffnet eine spannende Diskussion indem er die Frage in den Raum stellt, ob man wirklich tolles Design im Rahmen eines Budgets abwickeln kann.

Nun, ein Kernproblem bei Designleistungen ist, dass man sie nur unzureichend projektspezifisch kalkulieren kann. Für die gleiche Art von Auftrag mag man bei dem Kunden A 5 Tage brauchen, beim Kunden B sieht man erst nach 10 Tagen Licht.
Natürlich kann man grundsätzlich sagen, man arbeitet maximal fünf Tage an einem Projekt. Ist man Profi, schafft man da auch was durchaus Herzeigbares. Etwas wirklich gutes, kann man aber nicht in ein Schema pressen.
Ich habe schon erlebt, dass ich mich nach einem ersten Kundengespräch an meinen G5 gesetzt habe und alles wie von selber lief. Das Design und die Notwendigkeiten des Produkts lagen so klar vor meinen Augen, dass alles wie von selbst passierte. Dann gibt es aber andere Fälle, wo man denkt, man käme nie zu einem Ergebnis. Das ist dann der Punkt, wo sehr viel Professionalität gefragt ist. Manchmal muss man hier tagelang sinnlose Adaptierungen vornehmen, die in Folge allesamt wieder verworfen werden, um an diesen magischen Punkt zu gelangen, an dem es „Klick“ macht und man vor einem fertigen Design sitzt. Ich mag diesen Moment sehr gerne, weil man hier (so eigenartig das klingen mag) Ehrfurcht vor dem eigenen Werkstück bekommt. In diesem Moment wird eine Photoshopdatei, eine digitale Anreihung von Nullen und Einsern, zu einem greifbaren Produkt. Das Wissen, dass sich dieser Punkt bei jedem Projekt einstellt, wenn man nur genug Ausdauer besitzt, motiviert dabei ungemein. Der Zeitaufwand des Projekts, steigt aber in Folge sehr deutlich.

Nun sind bei den Kommentaren auf hicksdesign manche der Meinung, man könne Projekte nicht inklusive dieser „thinking time“ kalkulieren. Das wäre unseriös. Nun behaupte ich aber ganz frech, dass man das schon kann. Warum? Ganz einfach: es ist der wichtigste Teil unseres Jobs!

Jeder hat mal eine tolle Idee. Aber bei jedem Projekt einen gewissen Level an Kreativität zu halten, erfordert ein hohes Maß an Professionalität. Es kann auch jeder, nach entsprechenden Schulungen und ein wenig Erfahrung, mit Photoshop arbeiten. Rein technisch könnte man nach ein Paar Kursen, sehr viele meiner Arbeiten nachbauen. Das interessiert aber nicht. Unsere eigentliche Leistung liegt nämlich genau in dieser „thinking time“. Genau in diesen „passiven“ Zeiten, formt sich das Verständnis für ein Projekt. Genau dann entsteht eine Marke, eine Website, ein Folder oder welch kreative Leistung auch immer. Die Arbeit bei der Visualisierung dieser Erkenntnisse ist nur noch stumpfe Technik.

Der Punkt ist also, dass man eine Durchschnittspauschale errechnen muss, die natürlich auch diese Nachdenkphasen beinhaltet. Budgetiert man diese essentiellen Stunden nicht, entzieht man sich selbst der Basis, rentable Projekte zu erstellen, hinter denen man zu 100% stehen kann. Nichts ist schlimmer, als ein Projekt mit den Worten abschließen zu müssen: „Ich weiß, es könnte besser sein, aber das Budget ließ es nicht zu“.

6 Kommentare zu „Mit Hirnschmalz kalkulieren“

  1. bluehilltec

    Also bei meinem Brötchengeber gibt es im Grunde keine “Brain-Time” zum abrechnen. Meistens weiß der Kunde in etwa was er will. Aber nachdenken dauert meist nicht so lange.

    Ansonsten finde ich die Manntagsberechnung recht gut. Wenn ich gut drauf bin und einen Lauf habe, dann bekommt der Kunde auch mal 5 Designs in zwei Tage. Ansonsten sollte ein Design nicht länger als einen Tag dauern.
    Dann hat man eine Grafik fertig und bastelt es um den Kunden herum. Also nach Abstimmungen mit dem Kunden wird das ganze noch modifiziert.

  2. mätthi

    also ich bin forh das es profis wie dir (markus) genau so geht, wie “hoffentlich auch mal Profis”!!!!!

    Bei mir ist es genau so! Manchmal sitz ich einfach so herum und denke an nichts besonders und *schwups* ein wunderbares Design ist da….dann gibts es wieder momente wo man Stunden sitzt und nicht einmal einen Ansatz hat!!!

    Meiner Meinung nach kommt es auch schwer darauf an für wen man ein Produkt erstellt!!!!
    Ein blödes Beispiel:
    wenn man zum Beispiel eine Site für einen Fussbalclub macht dann denke ich mir das ich doch irgendetwas mit einem Fussball…. jedoch wie deine Seite “folietto” ist es ja auch irgendwie logisch das man Folien einbaut…jedoch denke ich das es hier einige zeit länger dauert bis man sich sicher ist wie man solche folien darstellt!!!!
    Es ist sicher schwer ein tolles Design inerhalb eines Budgets zu machen, aber “won’s laft, don laft’s”

  3. Jonny

    Naja, es ist tatsächlich auch ein riesiges Spektrum an “Webdesignern” vorhanden. Das geht vom Hobby-Webseiten-Bastler bis hin zum Künstler (!).
    In Richtung Letzteres schätze ich mich tendentiell selbst ein. So kann es natürlich sein, dass man ein Design pro Tag schafft, jedoch ähnelt das eher einer recht mechanischen Produktion anstatt eines Erschaffens… Ich lasse ein Design auch gerne mal “ziehen” und verfeinere dann an einem anderen Tag ein wenig weiter.
    Mir geht es auch oft so, dass ich bereits vorher weiß: “die Woche fehlt es mir irgendwie an Kreativität”. Und dann dauert ein Entwurf mal gut und gerne eine Woche…und am Ende wird’s dann erneut verworfen und durch ein 1A Ergebnis ersetzt, für das ich dann plötzlich nur eine halbe Stunde gebraucht habe…

    Ich stehe also auch voll hinter der Kalkulation der Thinking-Time. Schlimmstenfalls macht man halt ein paar “unbezahlte Überstunden”. Wenn ICH nicht zufrieden bin, dann hat’s sich nicht gelohnt!

  4. Gerrit

    Ich denke, dass man immer eine Mischkalkulation heranziehen muss, geht gar nicht anders! Wenn mein Chef mich nach dem geschätzen Zeitaufwand fragt, lege ich imme noch ein paar Stunden/Tage mit drauf, die ich zwar - streng kalkuliert - nicht brauchen würde, die dann aber häufig doch noch zum Einsatz kommen, wenn man das Projekt dann mittendrin komplett neu aufsetzt, weil man sich verrannt hat.

    Manche Kunden bezahlen also 5 Tage, obwohl ich nur effektiv 3 Tage dran sitze (Geistesblitz eben), manche Kunden kriegen vielleicht sogar 8 Tage meiner Arbeit für den Preis von 5 Tagen (Nichts eingefallen, nur unprofessionell rumgemöhrt). Das gleicht sich aus, und das Ergebnis ist bei beiden gleich gut. Zumindest annähernd. Supergeniale Riesen-Einfälle sind natürlich nicht planbar. Ein gewisses Originalitäts-Niveau ist es dagegen schon, nur halt nicht stundengenau.

  5. Jonny

    *zustimm*

  6. Markus Stefan

    Supergeniale Riesen-Einfälle sind natürlich nicht planbar. Ein gewisses Originalitäts-Niveau ist es dagegen schon, nur halt nicht stundengenau.

    Schöner hätte ich es nicht sagen können! :-)

    @mätthi: Du wirst feststellen, dass die “thinking time” nie verschwindet. Egal wie viel Erfahrung man hat. Ist auch gut so, weil es anders nicht möglich ist, durchdachte Designs zu entwickeln.

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