14.10.2006

Typografisches

Es taucht oft die Frage auf, wie man denn eigentlich alles Wissenswerte über Typografie lernt. Hier gibt es z.B. Seiten wie Typografie.info, die eine sehr gute Übersicht über typografische Kuriositäten wie Hurenkind und Schusterjunge bieten. Nun ist das zwar alles sehr spannend und wichtig aber es hilft einem nur bedingt, richtig mit Typografie umzugehen. Ich habe mal versucht, mich zu erinnern, wie mir dieses Thema auf der Höheren Graphischen Bundes- Lehr und Versuchsanstalt (kurz Graphische) vermittelt wurde. Merke: Auch die Graphische hat noch den einen oder anderen Table im Quellcode. Böse, böse, … ;-)

Wir hatten damals ein paar Grundübungen zu erledigen, die mir nachträglich gesehen, sehr geholfen haben, Typografie besser zu verstehen.

Themen-Typo

Aufgabe war es hier, die Worte Milch, Brot, Bier, Zahnpasta, Sport, etc. in einer Typo zu setzen, die dem Thema entspricht. So einfach das auf den ersten Blick klingt, so wichtig ist es doch zu begreifen, wie sehr das Aussehen einer Schrift, inhaltlich behaftet ist.

Man sollte diese Übung in zwei Schritten machen. Zuerst mit ganz klassischen Typos. Also z.B. eine VAG Rounded, bold mit outline für das Wort Milch. Dieses erste Blatt ist relativ schnell geschehen. Hier wird einem erstmals bewusst, wie massiv wir Typografie mit Produktgruppen verbinden und wie leicht es uns fällt, diese Typen auf Papier zu bringen.

So weit so gut. Gemessen daran wie einfach diese Übung war, fragt man sich wirklich, wie manche typografischen Entscheidungen zu Stande gekommen sind. Es geht also in erster Linie nicht darum, welche Schrift mir gerade am besten gefällt, sondern welche das Produkt am besten vermitteln kann.

Nun ergibt sich das Problem, dass die im ersten Blatt gewählten Schriften zwar richtig sind, unser Produkt (vor allem bei Logos) aber zu sehr im Einheitsbrei verschwinden lassen. Hier schließt der zweite Teil der Übung an.

In diesem wird versucht, Schriften für die Themen zu finden, die nicht auf der Hand liegen und trotzdem noch das Thema vermitteln. Es ist letztlich der Versuch festzustellen, wie sehr man sich von Blatt eins entfernen kann, ohne die inhaltliche Verknüpfung zu verlieren.
Dieses Blatt wird deutlich schwieriger, hinterlässt aber bei intensiver Beschäftigung, ein Ergebnis, dass viel mehr Spannung und Originalität enthält, als Nummer Eins.

Sind die Blätter fertig, sollte man sie Freunden, Verwandten und Bekannten zeigen, um zu sehen, ob sich ihre Assoziationen mit den eigenen decken und gegebenenfalls noch mal Adaptionen vornehmen. So einfach das auch klingen mag – hat man diese Übung erfolgreich gemeistert, hat man einen ungemein großen Schritt in Richtung gute Typografie gemacht.

Firmenlogos

Diese Übung ist schon ein wenig schwerer. Man sucht sich eine Firma, deren Name, dem eigenen Vornamen halbwegs entspricht. Es darf aber nicht der Selbe sein!
In meinem Fall (Markus) war das die Firma MERKUR. Walter hatte es mit der Zeitung Falter etwas einfacher.

Die Aufgabe besteht nun darin, mit der Typo dieser Firma, den eigenen Namen zu setzen. Hier muss man unbedingt darauf achten, dass auch mindestens ein Buchstabe neu hinzukommt. Ich musste also ein A und ein S zeichnen. Am Schluss, sollte man auf den ersten Blick nicht erkennen können, dass es sich um ein verändertes Logo handelt.
Bei dieser Übung lernt man ungemein viel über die Formen von Buchstaben,
deren Zusammenhänge und Whitespaces. Wichtig ist dabei, dass man sich von den Hemmnissen des Computers befreit. Zeichnet die neuen Buchstaben mit Bleistift und Lineal und klebt die bestehenden einfach dazu.
Die gezeichnete Typo wird sicher nicht beim ersten Versuch passen aber je öfter man sie neu zeichnen muss, je mehr wird man sich in die Optik hineindenken können. Hat man das erfolgreich hinter sich, hat man sich viel detaillierter mit den Formen einer Schrift auseinandergesetzt, als man das im Normalfall tun würde. Eine wirklich schöne Übung, bei der man verwundert feststellt, wie viele Details ein guter Schriftsatz enthält, die einem nie bewusst wurden, weil sie im Gesamtbild nicht auffallen.

So, das waren zwei Übungen, die natürlich nur einen kleinen Teil der Auseinandersetzung mit Typografie darstellen aber einen ungemein wichtigen, wie ich finde.

Abschließend noch ein Gedanke: Setzt doch einfach mal das Wort „Typografie“ in einer schönen klassischen Garamond und druckt es flächendeckend auf einem A4 aus und zieht vielleicht sogar Hilfslinien für Ober-, Mittel- und Unterlänge (siehe Wikipedia). Es ist wirklich unglaublich spannend, was sich da so abspielt!

UPDATE: Sollte jemand keine Garamond besitzen, hier ein Beispiel zum ausdrucken.

4 Kommentare zu „Typografisches“

  1. Eric Eggert

    Hört sich alles sehr nützlich an, werde das eine oder andere mal ausprobieren, wenn sich die Zeit ergibt.

    (PS: Webmontag: http://www.webmontag.de/doku.php?id=wien und Stöckchen: http://yatil.de/Weblog/5-dinge-stoeckchen)

  2. Heiko

    Klasse Artikel! Hab’ für Interessierte zum Thema noch einen Link zu einer ausführlichen Linksammlung

  3. Markus Stefan

    Tolle Sammlung - Danke!

  4. Sven

    sehr schön. die Sammlung hab ich dann auch einfach mal gebook’marked:)

Auch eine Meinung?

Trackback/Pingbacks:

only a blog » Woraus resultiertschlechtes Design?
[...] Es gibt Leute, die mögen Blau. Andere Grün und wieder andere bevorzugen Rot. Manche mögen abgerundete Kästen, während andere Ecken bevorzugen. Das ist auch solange OK, wie einem diese persönlichen Vorlieben nicht das Aussehen eines Designs diktieren. Farben, Formen, Typografie – diese Dinge müssen einfach das Thema transportieren. Zum Beispiel ist mir erst unlängst die Website einer Firma untergekommen, die Stahlbetonteile herstellt. Die Leitschrift war eine ganz zarte, sehr verspielte, Schrift mit jeder Menge kleinen Löckchen. Gesetzt in Violett. Ein untrüglicher Hinweis darauf, dass der Designer die Schrift erst kürzlich erworben hat und sie, Blind vor Begeisterung, sofort einsetzten musste. Oft fehlen hier auch einfach die Basics. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so femininen Stahlbeton gesehen. [...]