07.11.2006

Web, wo gehst du hin?

Dass manche nicht sehr erfreut über meinen „Eric und die Webkrauts“-Artikel sein werden, hatte ich befürchtet. Ich wollte damit niemanden persönlich angreifen. Für mich war es schlicht das Ergebnis der Entscheidung, ob ich hier in Zukunft persönlicher werden und privatere Meinungen preisgeben soll oder nicht.

Nun bin ich aber davon überzeugt, dass man sich, aufgrund der Geschehnisse und den publizierten Kommentaren, eine Meinung bilden und diese auch veröffentlichen darf. Öffentliche Organisationen stehen nun mal inmitten öffentlicher Kritik und es sollte auch selbstverständlich sein, dass deren Befindlichkeiten öffentlich diskutiert werden. Im Übrigen bin ich überzeugt, dass diese Diskussion letztlich positives birgt, wenn sie auf fruchtbaren Boden fällt und als Chance gewertet wird, einen Schritt weiter zu gehen und die Webkrauts zu dem zu machen, was aufgrund ihrer hochwertigen Mitgliederschar und somit grundsoliden Basis eigentlich nahe liegt.

Was aber interessiert mich nun so an diesem Thema, dass ich schon wieder damit anfange?

Nun, letztlich geht es mir gar nicht um die Webkrauts in Deutschland. Um ehrlich zu sein, haben sie (leider) nur wenig Auswirkung auf mein österreichisches Dasein als Webdesigner. Die Ereignisse haben mich, genau wie die Vorgänge bei Stylegala und Konsorten, wieder einmal in einem Gefühl bestätigt, dass ich seit längerem mit mir herumtrage:

Wir werden erwachsen

Die großen Zeiten von freien und strukturlosen Communities ohne Leistungsdruck, die nur durch den Idealismus der Betreiber getragen werden, neigen sich dem Ende zu. Früher hat man online einfach schnell mal was gegründet und dann lief das so vor sich hin. Mal besser mal schlechter. Ich habe den Eindruck, dass dies nun zusehends schlechter funktioniert, weil sich die Erwartungshaltung verändert hat. Selbst Weblogs werden heute zum Teil so kritisch bewertet, als hätte man für das lesen der Selben etwas bezahlt. Einer der Gründe für diese Verschiebung in Richtung Professionalität und Leistungsdruck scheint mir der Faktor Zeit zu sein. Es ist heutzutage ungemein cool eine Million Feeds zu abonnieren, sich in allen möglichen Foren herumzutreiben, ein Blog zu haben, seine Bilder bei flickr zu managen (inkl. der dortigen Kommunikationsmöglichkeiten) und eine Million weitere Dinge zu tun, von deren Existenz große Teile der Bevölkerung nicht mal ahnen. Wenn ich alleine in jede Designer-Community (die allesamt sehr spannend erscheinen) involviert wäre, in die ich über die Jahre hinweg eingeladen wurde, könnte ich damit meinen ganzen Tag füllen inklusive jenem Teil der Nacht, der ohne Schlaf bestreitbar ist.

Irgendwann tritt aber Ernüchterung ein. Irgendwann denken die etwas Älteren unter uns, dass es eigentlich viel cooler ist, sich mit seinen Kindern zu beschäftigen anstatt „nur noch diesen einen“ Artikel online zu lesen. Irgendwann merkt man, dass die analoge Welt eigentlich auch schöne Wege zur Kommunikation bietet. Irgendwann ertappt man sich dabei, abonnierte Feeds zu öffnen, ohne deren Inhalte zu lesen - nur um die Anmerkung „3 neue RSS-Artikel“ verschwinden zu lassen und wieder „up to date“ zu sein. Irgendwann stellt man fest, dass man Teil eines Informationsoverflows geworden ist, den man sich selbst aufgezwungen hat.

Aus diesem Grund, denke ich, sinkt die Bereitschaft, sich mit halbgaren Dingen auseinanderzusetzen. Information wird sich wieder zentraler sammeln müssen. Man möchte gut und stetig informiert werden oder man zieht weiter. Man trennt die Spreu vom Weizen und versucht, seine Onlineaktivitäten auf ein sinnvolles Maß zu reduzieren. Ich denke also, dass Community-Projekte in Zukunft ernsthafter aufgezogen werden müssen als das bis jetzt der Fall war. Wobei sich „ernsthafter“ durchaus auf Kontinuität, Strukturierung, Öffentlichkeitsarbeit und ähnliches bezieht und viel weniger auf Inhalte. Diese gibt es ja eigentlich zuhauf in ausreichend guter Qualität. Mit den kostenlosen Artikeln zum Thema Design und etwas Strukturarbeit, könnte man zum Beispiel ohne Probleme ein sehr schönes Buch veröffentlichen. Die Qualität der Inhalte ist dazu durchaus geeignet.

Und nun?

Durch diesen neuen Druck, wird manchen der Spaß vergehen. Andere werden dadurch wachsen. Ganz bestimmt wird aber eine Kommerzialisierung eintreten (müssen?). Wenn selbst Weblogs (wie auch dieses) Werbung von Google platzieren, ist doch eigentlich schon jetzt der Grundstein dafür gelegt. Das Erstellen von Gratisinhalten wird also bereits durch Werbeeinnahmen (so klein sie auch sein mögen) versüßt. Sehr viele Systemunterschiede zu Gratis-Zeitungen, die sich über Werbung finanzieren, sind hier also beim besten Willen nicht zu erkennen. Der wahre Unterschied liegt in der Strukturierung, der Deklaration Arbeitszeit zu investieren und der daraus resultierenden finanziellen Notwendigkeit, positives zu leisten. Alles mal abgesehen von den natürlich unterschiedlichen Dimensionen.

Ich denke auch, dass das Übernehmen klassischer firmenähnlicher Strukturkonzepte, der einzige Weg zu mehr berechenbarer und verlässlicher Qualität ist. Insofern nähert sich das Web und seine Gesetze immer mehr seinen analogen Vorbildern an. Strukturelle Notwendigkeiten werden auch hier tragend.

Letztendlich muss sich also jeder, der heute gründet, darüber im Klaren sein, was er damit erreichen will. Ist es eine private Seite, wie meine hier, wird sich nicht viel ändern. Man schreibt einfach für sich selbst als eine Art Tagebuchersatz und freut sich, wenn andere daran teilhaben. Verspricht man aber etwas Großes sollte man im Vorfeld darauf achten, dass man den eigenen Ansprüchen auch gerecht werden kann. Egal ob es dabei um verfügbare Zeit, die notwendigen Kompetenzen und Strukturmaßnahmen oder schlicht und einfach die Frage geht, ob die eigene Motivation ausreicht um etwas Gehaltvolles zu erschaffen.

7 Kommentare zu „Web, wo gehst du hin?“

  1. Rene

    Es ist keinesfalls “ungemein cool”, 80 Prozent der Tageszeit damit zu verschwenden, in unzähligen Foren abzuhängen, ebenso unzählige Feeds zu abonnieren. Es ist viel “cooler”, das alles auch mal für einen längeren Zeitraum hinter sich zu lassen, den Computer aus zu lassen, vielleicht hier und da mal ein paar E-Mails zu schreiben, aber das wäre dann auch schon das Höchste der Gefühle und stattdessen seine Zeit damit zu verbringen, sich selbst voran zu bringen. So verklärt und naiv das alles vielleicht klingen mag.

    Und du hast recht, wenn du sagst, dass es Millionen von Sachen gibt (deren Nutzen jetzt mal nicht hinterfragt wird), die man im Internet machen kann, aber ebenso viele Millionen Menschen nichts von der Existenz dieser Dinge wissen. Und solange das so ist, wird sich das Internet als Medium auch nicht weiter entwickeln. Es wird schlussendlich immer nur ein Marktplatz von technikaffinen Menschen bleiben, die, und das halte ich für absolut “gefährlich”, mehr und mehr vergessen werden, wie man mit anderen Menschen RICHTIG kommuniziert.

  2. Christian

    Hallo Markus, bin gerade über dein Blog gestolpert - danke für die wirklich guten Inhalte.

    Mein Kommentar:
    Du hast vollkommen recht, nur viele sind mitlerweile schon so verbissen, vor allem ich als IT-Techniker der in der Freizeit mit Kollegen auch noch diverse Projekte und basteleien hat, erwische mich manchmal genau in solchen Situationen wie im Beitrag von dir beschrieben.
    Alle Feeds öffnen, nur damit ich ja nix verpasse.
    Nur mal eben in ein Forum, checken was so abgeht.
    Die Freundin wartet schon und will wieder mal was mit bekannten machen, ich meine dann manchmal nur “ich habe wirklich keine Zeit, lieber ein ander mal”.
    Gruß aus Vorarlberg

  3. Lorenz

    Aktuell und somit auch immer im Trend zu bleiben, ist sicherlich ein Vorteil, wenn man in der Welt des Internets zu Hause ist. Danach zu leben und den Alltag mehr und mehr in den Hintergrund zu stellen, halte ich für absurd. Es gibt ja auch gute und schlechte Blogs - die wirklich guten bleiben leider oft im Verborgenen, da sie meist nicht aus kommerziellen Gedanken entstanden sind. Wichtig ist, sich immer zu fragen, ob sich das Lesen der Beiträge lohnt und inwiefern es einen weiterbringt - in welche Richtung auch immer. Jedoch wird sich das Internet weiterentwickeln, nur ob es auch ein positiver Verlauf ist, wird sich noch zeigen…

  4. Theo Rhätisch

    Ich persönlich bin mir nicht so sicher, ob diese Kommerzialisierung wirklich so neu ist. Bei aller Liebe für den nostalgischen Blick zurück denke ich mir doch, daß sich die Kommerzialisierung früher vielleicht einfach nur anders dargetan hat.
    Sicher, die Masse der »früheren« Webseiten war zu einem Gutteil sicherlich auch von jener großen anderen Motivation getragen (dem Aufmerksamkeitsdrang), jedoch haben auch »dazumal« schon sehr, sehr viele »Spaßprojekte« heimlich auf einen sagenhaften Buyout gespitzt. Auch »damals« gab es schon wabbelnde Werbebanner und zeppelnde NEU!-KAUFMICH! gifs mitten im Inhalt hausgebackener Seiten. Daher: Ich meine, alles bleibt eben unverändert verändert.
    Was sich bei mir relativ schnell eingestellt hat, war eine gewisse Übersättigung - zirka 99% des “WWW” interessieren mich heute nicht (mehr?). Würde ich das Internet nicht für meine Arbeit brauchen, würde ich wohl meinen Anschluß abbestellen. Ich bewege mich nurmehr auf wenigen, ausgetretenen Pfaden, und wehe diese funktionieren nicht schnell und zuverlässig! Von daher stimme ich zu, daß die Rationalisierungspirale (im Text der »Faktor Zeit«) sich zweckmäßig weiterdrehen muß und wird - zum Bessern oder Schlechtern.

  5. ff-webdesigner

    Wo gehst Du hin? Ich bin seit 7 Jahren Webdesigner. Gerade in den letzten paar Jahren gefällt mir immer weniger wohin das Web geht. Mehr kommerz, gemeinere Banner, tausende exploits. Und auch die “freien” Blogs wurden schnell eingeholt von Adwords :-)

  6. Klaus

    Ich möchte mich auch wieder mal einklinken und sagen das man als Designer oder “sich so bezeichnender” nicht mehr viel im Internet tut. Früher mal war ich stundenlang im Internet und das auch noch zu hause. Nur nach einer gewissen Zeit stellt sich einfach Fadess ein. Ich weiss auch zum Beispiel nicht warum ich heute ins Büro gefahren bin und nicht mal meine Krankheit auskuriere. Wir sind halt einfach Freaks wie meine Freundin hin und wieder zu mir sagt. Zum Schluss nur noch eines: Wir werden uns nicht ändern. Wir sind schon zu alt dafür!

  7. Andreas

    Dieser Artikel trifft meine Situation auf den Kopf ;-)
    Hab grad mit einer Partnerin und dem Bazar so ein Teil aufgezogen. www.swoptime.at - eineTauschbörse.
    Während des Aufbaus ist uns unser jeweiliges Geschäftsmodell etwa 3x weggebrochen und das ganze ist fast unmöglich vorauszusehen… wird es akzeptiert etc. Na ja, unser Teil steht mal zur Hälfte(ein komplexerer 2. Raum mit interner Verrechnungseinheit wird folgen…). Jetzt gibt es kein zurück mehr. Aber zuviel hinter dem Computer sitz ich für meinen Geschmack schon.

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