Woraus resultiert
schlechtes Design?
Nach meinem Artikel „Was macht einen (guten) Designer aus?“ hat mich der Gedanke verfolgt, was denn nun eigentlich ein schlechtes Design ausmacht. Die meisten Menschen erkennen es auf einen Blick. Aber was sind die Eckpunkte, die fast immer zutreffen? Folgend ein Versuch dieser Frage auf den Grund zu gehen.
Desinteresse
So simpel es klingt: Der Hauptgrund für schlechtes Design ist ganz einfach Desinteresse. Ich hatte mal einen sehr interessanten Termin, dessen Inhalt die Bugs der ersten Safari-Version waren. Mein Gegenüber war eigentlich recht kompetent. Abgesehen davon, dass er auf meine Feststellung, der Javascript-Support wäre eher lausig, antwortete, dass Apple doch eh gerade ein Java-Update veröffentlicht hätte. Nachdem ihm meine Fragerei zu langweilig wurde, meinte er im O-Ton: „Hauptsache es wird alles richtig angezeigt. Ob da irgendwas 10 Pixel weiter links oder rechts steht, ist doch völlig egal“. Ich nickte, sprach ihn auf seinen iPod an (damals noch selten zu sehen) und beendete das Thema. Ich werde ja schon unrund, wenn etwas um einen Pixel falsch positioniert ist, aber gleich 10?! Ihm fehlte offenbar jedes Verständnis dafür, dass es einen Unterschied macht, an welcher Stelle ein Objekt steht.
Persönliche Vorlieben
Es gibt Leute, die mögen Blau. Andere Grün und wieder andere bevorzugen Rot. Manche mögen abgerundete Kästen, während andere Ecken bevorzugen. Das ist auch solange OK, wie einem diese persönlichen Vorlieben nicht das Aussehen eines Designs diktieren. Farben, Formen, Typografie – diese Dinge müssen einfach das Thema transportieren.
Zum Beispiel ist mir erst unlängst die Website einer Firma untergekommen, die Stahlbetonteile herstellt. Die Leitschrift war eine ganz zarte, sehr verspielte, Schrift mit jeder Menge kleinen Löckchen. Gesetzt in Violett. Ein untrüglicher Hinweis darauf, dass der Designer die Schrift erst kürzlich erworben hat und sie, blind vor Begeisterung, sofort einsetzten musste. Oft fehlen hier auch einfach die Basics.
Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so femininen Stahlbeton gesehen.
Farben
Hier gibt es mehrere Typen von Designern.
Typ 1 ist der Grafiker, der versucht alles stimmig zu machen. Jeder Ton wird gebrochen, jeder Kontrast vermindert. Am Ende steht man dann vor einer Optik, die einen an das eigene Gesicht im Spiegel erinnert, wenn man mal wieder etwas später zu Bett gegangen ist. Blass.
Es ist wahnsinnig wichtig, eine stimmige Farbpalette zu entwickeln. Es ist aber genauso wichtig, Kontraste zu setzen. Erst dadurch entsteht jene Art von Frische, die einen positiven Ersteindruck beim Kunden hinterlässt.
Der Zweite im Bunde sagt sich: „Es gibt so und so viel Farben. Der Kunde bezahlt einen guten Preis. Also bekommt er sie auch alle “. Natürlich ist das mit einem Augenzwinkern zu sehen aber manchmal scheint es schwer zu sein, sich auf zwei bis drei Farben festzulegen. In diesem Fall aber einfach alle Farben zu verwenden (vielleicht sogar inklusive einem schönen Regenbogenverlauf im Header) sollte nicht die Lösung darstellen.
Typ 3 ist der Meinung, dass gelber Text auf weißem Hintergrund echt hip ist. Warum auch nicht? Er weiß ja, was auf seiner Seite steht …
Verhältnisse & Konsistenz
Bei einem guten Design steht jedes Element in einem Kontext. Die Größe des Headers, bestimmt die des Logos. Der fertige Kopf kann Abstände, Schriftgrößen und Tonwerte vorgeben. Ein Design ist ein geschlossenes Ökosystem, bei dem jedes einzelne Element seine Aufgabe zu erfüllen hat. Oft sieht man extrem, welche Teile getrennt für sich gestaltet wurden. Zum Beispiel ein dominanter mit Liebe gestalteter Kopf, auf den eine blasse, kaum gestaltete, Seite mit viel zu kleinen Titeln folgt, die den Eindruck hinterlässt, die Page würde nur aus Kopf bestehen. Es ist wesentlich, den einmal eingeschlagenen Weg, weiterzuführen. Ein zarter Kopfbereich verträgt sanfte Content-Designs wohingegen ein starker Auftritt bis in die letzten Ecken des Footers weitergeführt werden muss.
Fehlende Struktur
Irgendwann im Designprozess sollte man sich der Hilfe eines Rasters bedienen um Spaltenbreiten und Abstände zu definieren. Es ist ein guter Gedanke, diesen Raster immer in seinen Dokumenten mitzuführen. Ich zum Beispiel reserviere die oberste Ebene in meinem Photoshop-Dokument immer für eine transparent gesetzte Ebene, die mein komplettes Raster enthält. So kann ich es ein- bzw. ausblenden und je nach Bedarf darauf zurückgreifen.
Warum auf jeder Seite über Dinge nachdenken, die einmal definiert, auf die ganze Page anwendbar sind?
Null Flexibilität & warum der Content das Design diktiert
Oft sind Designs mit dem verwendeten Musterinhalten durchaus schön anzusehen. Da gibt es wunderbare Bilder und harmonische Absätze mit fein gesetzten Zwischentiteln. Sobald aber die Echtinhalte des Kunden kommen, die (wenn überhaupt) oft nur schlecht bebildert sind, sieht die Welt anders aus. Das ganze Design zerfällt in seine Einzelteile.
Umgekehrt kann es auch problematisch sein, wenn ein ohnehin kräftiges Design mit tollen großformatigen Bildern, informativen Grafiken und schönen Inhalten befüllt wird.
Oft braucht dann der Inhalt mehr Raum zum Atmen, als man ihm ursprünglich zu Teil werden lassen wollte.
Zu oft erlebt man, dass diese wesentliche Gestaltungsproblematik mit den Worten „Was soll ich den tun, wenn die Inhalte so dünn sind“ außer Acht gelassen wird. In Wirklichkeit gibt es aber nur selten wirklich unbrauchbar strukturierte Inhalte – in den meisten Fällen stimmt einfach die Verpackung nicht.
Das Motto ist also, von unten nach oben zu gestalten. Es macht einfach Sinn, auf Basis der Inhalte ein adäquates Umfeld zu schaffen und sich dabei immer präsent zu halten, dass ein Design nicht beim Header aufhört. Auch der Inhalt ist für etwas Zuwendung sehr dankbar.
Fazit
Letztlich lauern natürlich noch viel mehr Gefahren auf dem Weg zu einem guten Design. Wenn man aber zumindest die hier angeführten vermeidet, sollte einem guten Ergebnis nichts mehr im Wege stehen. Der Schlüssel ist sowieso in Punkt 1 zu finden. Hat man aufrichtiges Interesse am Gestalten, lösen sich die anderen Punkte mit der Zeit von selbst.









Schlechtes Design (aus meiner Hand) entsteht meist, wenn wie du erwähntest Desinteresse vorherrscht – meist leider beim Kunden.
Eine halbe gefaxte Seite Text, vom Chef in der Mittagspause zusammengeschrieben, 2 Fotos von Anno ‘99 von der Belegschaft bei der Weihnachtsfeier, dazu ein Logo in WordArt „selber gestaltet“ und eine Farbkombination oder „Firmenfarbe“, die in RAL vielleicht billig ist, aber das war’s auch schon. (Ich sage nur RAL 1021 Postgelb).
Und dann bitte zehn Seiten aus dem Zeug machen („seien Sie mal kreativ“).
Oder auch beliebt: „Machen Sie es so wie bei Mitbewerber XY“ (der seine Seite mit Frontpage selber gebastelt hat).
Keine Zeit, keine Lust, gezwungen von den äußeren Umständen „eine Website zu brauchen“, aber nicht wirklich zu wissen oder zu verstehen warum.
Am Designer liegt es selten, eher daran, durch wie viele Hände der Entwurf geht, und wer auch noch was dazu sagen darf/muss…
Ich musste bei deinen Zeilen wirklich schmunzeln, weil so was wahrscheinlich schon jeder einmal erlebt hat. Die von dir beschriebene Variante gibt es tatsächlich immer wieder und das kann natürlich nichts werden.
Was aber den Inhalt angeht, glaube ich, dass man als Designer auch ein wenig nachhelfen muss. Abgesehen von dem von dir geschilderten Extremfall, gibt es sehr viele Kunden, die am Anfang eines Projekts nur wenige Inhalte haben. In diesem Fall sind wir immer sehr hartnäckig und versuchen gemeinsam mit dem Kunden Inhalte zu erarbeiten. Es gibt sie ja eigentlich in jeder Firma, sie wollen nur gefunden werden.
Hm… Ich denke da fehlt noch ein Punkt: die Budgetierung. Drückt der Kunde den Preis extremst nach unten (sofern sich der Gestalter darauf einlässt) muss an irgendwas gespart werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass in heutigen Zeiten Aufträge lieber mit kleinem Budget (und somit auch mit Schönheitsfehlern) als überhaupt nicht designt wird.
Ein weiterer Punkt, welcher aber schon teils in dem Artikel steckt: unbelehrbare Kunden. Man präsentiert ein noch-so-fantastisches Layout, und der Kunde hat immer noch was zu meckern… “Ja, sieht toll aus, aber: Hier die Farbe anders, dort bitte das Element verschieben, das nächste bitte Element ganz raus, und und und”. Was übrig bleibt ist oft nur noch ein unansehnliches Lumpengerüst…
Ja, oft haben Menschen so eine schlechte Vorstellung von der Ideen über Gestalt und Farben, dass ich mich über nichts mehr wundere. Ich bin ehrenamtlicher Webdesigner und sehe es auch als mein Hobby und versuche mich privat weiterzubilden. Wünschen würde ich mehr tutorials oder Videopodcast die über Farben, Positionierung von Text/Elementen und das zusammenspiel von diese in einer Website erklären würden.
Sehr oft beobachte ich Menschen, die sich sehr um die Programmierung kümmern, aber weniger um das Design, was das A und O ist. Vielleicht fehlt einfach das gewisse “Taste” = Geschmack
Grüße und danke für den Bericht – Marco